E.MH Briefe von “Wiese” Nr. 9


So kamen wir dann in den ersten Augusttagen im Sommer 1944 bei Mutti Sander in Jägerndorf an.
Meine Mutter kannte Mutti Sander durch ihre beste Freundin, die gleich nach der sog. “Heimholung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich” 1939/40 ein Ferienkind aus Jägerndorf aufgenommen hatte, dessen Mutter eben “Mutti Sander”. Sie war eine schöne Frau mit damals schon weissgrauen Haaren, die in einem Knoten auf ihrem Hinterkopf zusammengefasst waren. Hübsche Ohrringe mit Steinen verstärkten den Ausdruck ihrer grossen braunen Augen und sie trug meistens Trachtenkleidung. Ich verband das auch immer mit dem Namen der kleinen Stadt Jägerndorf. Die Bindung zu ihr zwischen der Freundin meiner Mutter wurde sehr beständig und so kam dann später auch der zweite Sohn Siegfried in den grossen Ferien nach Harburg und da meine Mutter immer alles mitmachte, was ihre Freundin als Schrittmacherin vorantrug, so wurde sie auch miteinbezogen in diese Verbindung zu Mutti Sander.
Die brachte nämlich – sie war auch mehrere Male in Harburg zu Besuch – ihre Kultur aus dem Ostsudetenland mit nach Harburg und so dauerte es nicht lange, dass Hedel (Freundin meiner Mutter) und auch meine Mutter sich trachtenähnliche Kleidung genäht hatten und ich bestückt mit Trachtenkleidern – “Dirndl” – Strickjacken im Trachtenstil und passendem Hut dazu – ausgestattet war.


Mutti Sander war freischaffende Hebamme und geschieden. So zog sie ihre drei Jungen allein auf und man kann sich vorstellen, dass dies – wie in allen Zeiten – kein Leichtes war, die grossen Jungens alle satt zu machen. So war also die Vorgeschichte, warum wir sofort und so herzlich eingeladen wurden, dorthin zu kommen.


Jägerndorf liegt im Mährischen Gesenke im Ostsudetenland und wenn man den Burgberg dort bestieg, konnte man von dort in der Ferne gleich einer auf- und absteigenden weisslichen Linie die Beskiden erspähen, die die ersten Ausläufer des fernen Karpathen-Gebirges bildeten Der Zipfel des ehemals und nun wieder polnischen Bergbaugebietes in Oberschlesien war nur etwa 20-30 km entfernt von Jägerndorf. Es war ein schönes Städtchen – geprägt von der langen Herrschaft Österreichs/Ungarn und dessen Kulturbereiches. Trachtenkleidung trugen die Menschen dort als Alltagskleidung und da waren wir so richtig passend mit unserer Kleidung, so dass wir uns wie Fische im altbekannten Gewässern fühlten.


Durch eine Vermittlung von Mutti Sander erhielten wir Hilfe und Unterstützung der dortigen Kreisleitung und Her Jüttner, der Leiter dieses Kreises, machte eine weitere Bleibe für uns ausfindig, die in einem

Dorfe ganz nahe vor der Stadt lag. Das Dorf hatte den Namen: Wiese !


Wir fuhren dorthin mit der Zuglinie in Richtung Olmütz. Gleich an der ersten Station Barnsdorf mussten wir aussteigen. Und da standen wir nun …. Die Bahnstation wie auch die Bahngleise zogen sich auf einer langgestreckten Anhöhe weiter langsam hinaus in Richtung Ölmütz. Vor uns lag in einer Art Parallel-Lauf ein ebenso langgestrecktes Tal, durch das sich wie ein Band in gleicher Richtung eine Landstrasse zog, an deren beiden Seiten sich weisse Bauernhöfe und Häuser breit oder weniger breit machten. Sie bildeten eine Art kleine Nester, wenn sie sich zusammendrängten und dann kam wieder eine Weile eine sehr spärliche Bebauung … aber immer in einer Reihe der Strasse entlang … bis sich dann wieder mehrere Häuser zusammendrängten …. es war ein typisches Strassendorf – aufgeteilt in

Niedern- Mittel – und Oberdorf, in der Bauweise, so wie sie zumeist auch an der Grenze zu Ungarn und im Burgenland üblich ist. Und die Bauernhöfe ebenso – zumeist in einer kompakten Bauweise – alle Gebäude reihum um einen größeren rechteckigen Innenhof angeordnet, das weissgekalkte Wohnhaus mit dem Giebel zur Strasse hinweisend. Davor ein Obstgarten begrenzt von einer Mauer oder Zaun mit einer Einfahrt für die Wagen, die über einen Graben von der Strasse in die Hofschaft hinein führte.


Das alles bot sich unseren Blicken dar, als wir auf dem Bahnsteig in Barnsdorf standen. Und hinter der Reihe der weissen Bauernhöfe zogen sich die Felder der Bauern sanft ansteigends hinan bis zum Waldrand des Berge. Das war also das Mährische Gesenke. Es waren sog. Mittelgebirgshöhen von ca. 500 cm. Einige Felder waren bestanden mit blühendem Mohn (Mohnkuchen – Mohnbackwaren zählen dort zu den gebräuchlichsten Kuchen)- und diese Felder ! Sie waren unbeschreiblich schön und diese Mohnsorte grüsste uns mit einer Farbigkeit und Buntheit, dass es uns den Atem verschlug. Was für ein Schönheit, wie sich diese Landschaft uns darstellte !


Ebenfalls auf halber Höhe lag die Dorfkirche mit ihrem für diese Gegend typischen Zwiebelturm – der kleine Gebirgsfluss aus dem Altvatergebirge “Die Oppa” zog sich inmitten Büschen und Sträuchern so ziemlich parallel zur Landstrasse auch mit durch das Gelände. Es war ein sehr munterer – eiskalter Gebirgsbach – der sich da springend und hüpfend über Gestein und Unebenheiten durch das kleine Flussbett bewegte. Im Gegensatz zur anderen Oppa. der Goldoppa) war dies die Schwarzoppa.


Ich war begeistert – meine Mutter war begeistert – es war Liebe auf den ersten Blick! Das war Wiese in seiner ganzen Lieblichkeit und in späterer Jahreszeit auch rauhen Schönheit dieses Landes!

Wiese war grün, grün mit weissen Flecken und bunten Mohnfeldfarben ! Und reich beschenkt mit kleinen und klitzekleinen Wässerchen …. überall sprudelte es – plätscherte es uns entgegen, als wir

vom Bahnhof hinunter ins Tal nach Wiese wanderten.


Und dann die Menschen, wir kamen zu diesem grossen weissen Baunerhof mit dem geschwungenem Giebel zur Strassenseite …. alles war still, als wir in den Innenhof einbogen. Wir suchten den Bauern, es waren alte Leute namens Pohl mit einer Schwiegertochter, die den Hof bewirtschafteten. Der Sohn

war als Soldat an der Kriegsfront.

Sie zeigten uns in einem kleineren Haus gegenüber auf dem Hof das Ausgedinge.  Dies ist auf jedem Bauernhof das Gebäude, das für das alte Bauernpaar als Wohnhaus vorgesehen ist, wenn der Sohn den Hof übernommen hat. Es stand versteckt hinter einer alten Kastanie und für uns waren eine kleine Küche und ein anschliessendes grosses Wohnzimmer im ersten Stock bestimmt. Und wir waren so glücklich darüber. Unten im Erdgeschoss lebte die Familie Hahnelt mit zwei Söhnen, deren Vater auch Landarbeiter bei der Familie Pohl  – aber zu der Zeit als Soldat eingezogen war. Marie Hahnelt,

eine kräftige rotblonde Frau baute mit ihren Söhnen, Ernst (ca.12-13 Jahre) und Hans (so alt wie ich um die 10 Jahre) ein eigenes Haus gleich nebenan, das nahezu fertig war. Sie hatten das Land dazu vom Bauern Pohl geschenkt erhalten – ich denke, wohl für ihre guten Dienste.


So das war so ungefär die Einführung, wie wir das Dorf Wiese erleben durften. Viele freundliche Menschen gab es da – ganz anders als in meiner ostpreußischen Zweitheimat, die mehr Menschen von verschlossener Natur aufweisen konnte. Diese hier waren freundlich, hilfsbereit und offen und kannten meistens auch ein karges Leben, denn viel Wohlhabenheit war nicht unter ihnen und wenn, dann immer hart erworben durch Fleiss – Sparsamkeit – und ein bescheidenes Tag-für-Tag-Leben!


Wie oft habe ich als fremdes Kind unter ihnen mit am reingescheuerten Tisch in der Küche gesessen und Pellkartoffeln mit Salz gegessen und die gute fette Milch dazu getrunken. Und nur der Grossvater erhielt ein Stückchen Butter zu den Pellkartoffeln. Oder Buchteln, die frisch gebacken gerade aus dem Holzofen genommen worden waren und Hefeklösse, letztere waren mein Leibgericht ! Meine Mutter hat sich damals alle die ihr bis dahin unbekannten Zubereitungen abgeschaut und erlernt. Wir hatten ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu allen Bewohnern dieses Hofes.


Nur nicht mit dem Ziegenbock Hans!

Dessen Vorliebe war es, hinter einer der Scheunenecken zu lauern und dann hervorzuspringen, um uns Kinder zu jagen und zu stossen. Das war ein richtiger “Filou” ganz schön heimtückisch in dieser Art und Weise! Also spähten wir immer erst vorsichtig um die Ecke unserer Haustür, wenn wir hinausgehen wollten, ob die Luft rein war. Und wenn ihm dnn so ein Überfall in seiner Weise gründlich mißlungen war, rannte er empört wieder hinter die Scheune und schlug erbost und wütend mit seinen Hörnern gegen die Scheunenwand – Bum Bum  !


Ich denke, das ist jetzt erst einmal genug für den Anfang und “Wiese” als Dorf, das könnt ihr alle euch jetzt gut vorstellen, wie es war damals —–
Emoji

Das nächste Mal erzähle ich dann von meinen anderen kleinen Erlebnissen dort und was ich dort erlebte, als es dunkler wurde über Deutschland und die angrenzenden Länder ….. Ein bißchen Angst habe ich davor, denn dann muss ich alles noch einmal erleben, was mir damals passierte und es werden nicht so viele schöne Bilder werden, die dann in mir aufsteigen…..


Aber was soll’s, es ist ja vorbei und wenn ich all diese Bilder dann noch einmal durchlebt habe, werden sie mich nicht mehr quälen können und es ist dann endgültig und für alle Zeiten vorbei und passé !


Dann treffen wir uns im nächstfolgenden Brief wieder und bis dann, lasst es euch alle gutgehen !

Ach so, ich war damals gerade gut 9 Jahre alt.

Tschüs bis dann !

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