EMH Briefe vom Bauhaus Nr. 8


Immer noch bin ich im Jahre 1943/44 und wohne im Bauhaus, wie ich es schon letztens beschrieben habe. An den Winter dort habe ich kaum Erinnerungen, nur dass die Schneewehen an beiden Straßenseiten so hoch – bzw. in den Chauseegräben so tief waren, dass man sehr vorsichtig sein musste auf den Strassen. Denn wenn man zu weit
sich von der Strassenmitte entfernte zu einer der Seiten hin, konnte man gut und gern in den Verwehungen in den Strassengräben verschwinden. Das ist mir immerhin einige Male passiert. Ich glaube, den Winter habe ich lesenderweise in diesem kleinen Kontorzimmer verbracht, denn sonst habe ich ausser den hohen Schneeverwehungen keinerlei Erinnerung an diese Zeit. Und Lesen war meine grösste Leidenschaft, seitdem ich es konnte. Ich verschlang alles, was ich als “Beschriebenes” in die Hände bekam.

Erinnerungen an diese Zeit im Bauhaus kamen dann wieder, als es dort Frühling wurde.

Ich hatte eine Klassenkameradin, die ein Stückchen weiter stadtauswärts wohnte an der gleichen Strassenseite, nur das Haus lag ein Stück weiter oben am Hang. Als wir eines Tages zusammen von der Schule nach Hause gingen, erzählte sie mir von ihrer grossen Trauer, dass sie nicht als “Marienjungfer” mit auf die grosse Fronleichnamsprozession gehen konnte. Es war nämlich so: Nach der 1. Kommunion, die hier allgemein als “Annahme” bezeichnet wurde, durften diese Erstkommunianten im folgenden Jahr als “Marienjungfern” in der grossen Fronleichnamsprozession mitgehen – alle wie bei der “Annahme” ganz in Weiss gekleidet, mit Myrtenkränzlein auf dem Kopfe und einem kleinen Korb mit Myrten, aus dem sie diese Myrten auf den Weg streuten. Und sie konnte und durfte nicht mitgehen, da sie keine weissen Schuhe und Strümpfe bzw. Korb und Myrten hatte. So erfuhr ich von ihr, dass sie arm waren und ihr Vater es ihr nicht erlaubt hatte. ….

Ich war ganz aufgeregt, als sie mir das erzählt hatte und sprach mit einer meiner Grosscousinen darüber. Die erzählte mir dann wieder, dass da oben auf dem halben Hang nur sog. “Instenhäuser” waren – in denen “Insten”, also landwirtschaftliche Tagelöhner mit ihren Familien wohnten. Das liess mir doch keine Ruhe! Ich hatte doch weisse “Klappersandalen” (das waren Sandalen mit Holzsohlen, die als Sohlen quer getrennte Holzabschnitte hatten, die beim Gehen klapperten). Und weisse Socken hatte ich auch. Myrte wuchs wild überall – brauchte man nur zu pflücken und ein Körbchen konnte man aus weisser Pappe oder Papier selbst machen.

Ich überredete meine neue Freundin und die nahm mich mit zu ihrem Vater nach Hause. Da stand ich nun als Fürsprecher und Art Anwalt für meine Freundin und schilderte mit all meiner Kraft dem Vater ihre Lage und bat um seine Erlaubnis, ihr zu helfen und ihr diese Teilnahme an der Prozession zu erlauben.  –  Zum ersten Male war ich in diesem Insthaus, das nur aus einem grossen Raum bestand und mit einer Vielzahl von ihren anderen Familienmitgliedern bewohnt wurde. Ich war wie betäubt von dem Geruch von Essen und Menschen dort und erkannte zum ersten Male, was Armut bedeuten kann.

Umso mehr beflügelte mich diese Erkenntnis, ihr zu der heiss ersehntenTeilnahme bei der Prozession zu verhelfen. Nach dem Basteln des Körbchens und des Pflückens der wilden Myrte war dann auch ihr Vater bereit, die Erlaubnis zu geben.
Alle diese Vorkommnisse habe ich vor meiner Mutter und meinen Verwandten geheim gehalten, denn ich wusste nur zu genau, dass sie es nicht gern gesehen hätten, dass ich mit einem “Instenkind” so eine Freundschaft aufgebaut hatte.

Also bestellte ich sie vor mein Kontorfenster und reichte ihr die weissen Klappersandalen mit den dazugehörigen Socken hinaus …und die Teilnahme an der Prozession war gesichert.

Ich war nämlich in einer Aussenseiter-Position damals, denn bisher konnte ich nicht altersgemäss an der sog. “Annahme” teilnehmen dort, weil ich aus der Diaspora kam und aufgrund der nationalsozialistischen Auffassung meiner Mutter sie es nicht erlaubte.
Ich glaube, das habe ich auch als Argument in meinem Pädoyer vor dem Vater meiner Freundin benutzt, dass ich überhaupt nicht in die Segnung dieser Teilnahme kommen konnte und sie eigentlich im Vergleich zu mir die Bevorzugte war und nur aufgrund fehlender Bekleidungsstücke nicht teilnehmen konnte.

Später nach “Beendigung dieses Projektes” habe ich dann alles meiner Mutter natürlich erzählt, da sie dann nichts mehr verbieten konnte und weisse Socken und Klappersandalen wieder im Kontor lagen.

Das war im Frühsommer 1944 – und was ich noch erinnere ist, dass Adelheid Schafrinna, eine andere Klassenkameradin von mir, die Tochter des Friseurs war und
dunkle ganz stramme und feste Zöpfe hatte und einen Mittelscheitel, der von  ihrer Stirn bis nach hinten zu ihrem Nacken hin durchgezogen war. Aber was ich sehr bedeutungsvoll an ihr fand, war, dass ihre Zöpfe weit ins Gesicht an ihren Ohren angeflochten waren, während meine immer erst ziemlich hinter den Ohren begannen.
Hinter mir sass Heidemarie Fittkau – das weiss ich auch noch.  Und unsere Lehrerin, Fräulein Teichert, fragte uns jeden Montagmorgen, ob wir auch am Sonntag davor in der heiligen Messe waren. Wer es nicht war, musste nach vorne kommen und bekam einen Schlag mit dem Stock über die offene Hand ! Schon deshalb war ich immer in der Messe am Sonntag und als einige, die nicht dort gewesen waren, sich fälschlicherweise
zu uns Messegängerinnen bekannten, fragte ich sie später, warum sie denn gelogen hätten, denn das war doch eine Todsünde! Als ich dann als Antwort bekam, sie würden es ja dann wieder beichten und Vergebung erlangen, gab das mir viel zu denken.

Also, das habe ich nie vergessen und ich glaube, dieses Erlebnis war sehr richtungsgebend für mein späteres Leben und meine innere Abkehr vom katholischen Glauben.

Mittlerweile war es Sommer geworden – ein Sommer, der viel Regen brachte und das Korn auf den Feldern am Halm verdarb, die Felder wurden zu nass und das noch grüne Korn legte sich nässeschwer zur Seite. Die Gespräche bei meinen Grosseltern drehten sich alle um diese grosse Sorge um die anstehende Ernte.

Zu alledem noch rückte das Kriegsgeschehen immer näher, die Kriegsfront war schon in der Nähe von Gumbinnen und wir konnten bei ruhigem Wetter schon das Wummern der Geschütze hören.

Meine Mutter jedoch in ihrer “festen Zuversicht und Glauben an den Führer” war davon wohl eher unbehelligt in ihrem Sinn und entschied in den letzten Julitagen, als es endlich sommerheiss wurde, mit mir eine Tagestour nach Cranz b. Königsberg an die Ostsee zu machen, da ich noch nie “das Meer” gesehen hatte.

So fuhren wir dorthin, es war ja nicht so weit und das war nun für mich ein ganz grosses Erlebnis.
Kleine weissgetünchte Fischerhäuschen säumten den Strassenrand – auf dem Weg zum Strand. Mein Herz klopfte wie wild vor Erwartung und mir war, als ob diese kleinen Häuser genau wie ich nur so voll Erwartung sprühten ….aber noch konnte ich kein Meer sehen – aber alles um mich herum wusste, dass es hier zum Meer ging …. das spürte ich ganz deutlich ! Die Sonne schien so hell und der Himmel war so hellblau und alles war durchtränkt von einem mir unbekanntem frischen Duft! ….und dann lag es vor mir, das Meer !

Das Bild vor mir liess meinen Atem stocken ! Der Weg hangabwärts zum Strand, der gelbgolden mit vielen Menschen vor uns lag  …. und dahinter – so weit das Auge sehen konnte, eine lichte blaue Fläche voll Wasser, die sich schemenhaft bis zum Horizont erstreckte und dort verschwand. Die Sonne schickte ihre Strahlen über das Wasser und liess die Wellen an den Spitzen in reinstem Weissglanz erstrahlen! Etwas Schöneres hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Es war die Liebe auf den ersten Blick für mich, die mich seitdem nie verlassen hat. Ich liebe diese Ostsee, egal an welcher ihrer Küsten ich mich befinde.

Auf meine dringenden Bitten bemühte sich meine Mutter um irgendeine Übernachtungsmöglichkeit und es gelang ihr, so eine für 2 Nächte zu finden, denn es war Sommerferienzeit und Hochsaison.

So verbrachten wir 3 selige Tage am Strand von Cranz – und alles andere vom Weltgeschehen lag weitab von uns.

Als wir auf der Heimfahrt waren, erfuhren wir, dass es einen Erlass gegeben hatte, der alle in Ostpreussen Evakuierten aus den Bombengebieten anwies, infolge des Kriegsgeschehens die Provinz binnen drei Tagen zu verlassen!

Das bedeutete für uns, wir mussten eine neue Bleibe für uns suchen! Ins Bombengebiet zurück ging nicht, das war Sperrgebiet ! Meine Mutter erinnerte sich einer Bekannten aus Jägerndorf im Ostsudetenland und telegraphierte ihr und wir wurden postwendend sofort herzlich eingeladen, dorthin zu kommen. Das war damals der grosse Zusammenhalt der Menschen in Deutschland. So fuhren wir nach Jägerndorf zu “Mutti Sander” !

Das ist nun das Ende meiner “Bauhaus”Zeit und demnächst werden wir ein neues Kapitel aufschlagen von der nun folgenden kurzen Zeit im Ostsudentenland vom August 1944 bis Anfang Februar 1945.

Es ist auch das Ende meiner vielen und schönen Erinnerungen aus meiner Kindheit und ich denke auch meiner Kindheit selbst. Mit 9 Jahren und 4 Monaten war damit meine Kindheit zu Ende. Alles, was dann kam, wurde mit viel mehr Bewusstheit von mir aufgefangen und angegangen, die eher einer zu früh Erwachsenen zukam als einem 9-10 jährigem Kind!

So lasst uns jetzt warten auf den nächsten Schrieb vom schönen Jägerndorf und dem noch schöneren kleinen Dorf namens “Wiese” mit den vielen freundlichen Menschen, die wir dort trafen.

Bis dann!

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The Years of Life tell me that I am old - My Inner Heart tells me that I am young - it is proof that I still live in Duality and as I decided to outgrow this Matrix I am prepared to ascend into some other realm leaving all the old and shabby patterns behind me pluck up all my courage for the New Age with shining lights so Golden of Promise - And take with me nothing but love - peace - harmony and one only virtue of 3-D density : staying a pioneer all my lifes ... ready for another adventure ... with the Help of God Almighty...