E.M.H. Briefe vom Bauhaus Nr.7


Nun da wären wir wieder nach einigen Turbulenzen des jetzigen äußeren Lebens, die mich vom Weiterschreiben dieser Briefe abgehalten haben.

Ich bin immer noch im Bauhaus, erfreue mich eines etwas selbständigen Seins im Kontor desselben und schaue aus dem Fenster zur Straße hin. Vor diesem Fenster im kleinen staubigen Vorgarten habe ich auf einem kleinem Beet Ringelblumen ausgesät und sie wuchern in einem wunderschönen Durcheinander von dunkel-orange bis hellgelb dort. Es ist eine Pracht und gerade so, wie ich es liebe.

Gegenüber von uns, ein bißchen im Grunde auf der anderen Straßenseite liegt das Grundstück der Böhnke’s mit dem eingezäunten größeren Hof, wo sie all die Truthähne züchten. Wie oft stand ich da am Gatter und habe die Tiere geärgert ! Ja Kinder sind manchmal grausam in all ihrer Unschuld und ich machte da keine Ausnahme! Ja, ich stand dann am Gatter und habe stimmlich das “Gejuddele” der Truthühner nachgemacht, die alle aufgeregt und furios mit immer roter werdenden Kinnlappen herkamen und zu mir zurückjuddelten. … Jetzt natürlich würden mich solche Späße nicht mehr so erfreuen.

Gleich im Anschluß an das “Truthahn-Grundstück” lag der Friedhof, den ich immer eiligst durchqueren mußte, wenn ich morgens zu spät dran war. Und das war ich meistens. Da konnte man dann ein 8jähriges Mädchen mit fliegenden auf-und-nieder wippenden  Zöpfen über die Gräberecken springen sehen mit dem Schultornister auf dem Rücken, der alle diese Bewegungen mitmachte. Wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre, dann wäre ich wohl mit all den anderen Kindern der Evakuierten in Heilsberg in die “Adolf-Hitler-Schule” ein geschult worden – aber das war ein Ding der Unmöglichkeit, da ich eine Angehörige einer der ältesten Familie, der Koslowski’s, war, die schon mehrere Jahrunderte in Heilsbertg ansässig war. Ich konnte auch überall auf Verwandte meines Namens treffen, es gab da z.B. ein Schumacher in der Nähe des Hohen Tores und in einer Seitenstraße unweit des Marktes habe ich oft vor dem Haus meines Urgroßvaters gestanden, das noch eine gut lesbare Inschrift trug: Robert Koslowski u.Söhne, Kürschnermeister.

Also Pelzwaren und die Verarbeitung derselben waren das Handwerk, aus dem meine Großväter kamen. Dort müssen sich auch der Vater meines Vaters und meiner “Tata” (die mit den fuchsroten Haaren und den hellen Augen im sommersprossigem Gesicht) und die Näherin Martha Theresia Fröhlich kennen und lieben gelernt haben, bevor er sich entschloss, mit seinem augezahlten Erbe mit ihr nach Königsberg zu gehen, wo er eine Mützenfabrikatur aufmachen wollte. Aber das ging nicht einfach so, da waren noch die Eltern der Martha Fröhlich dazwischen zu überwinden. Es war eine ebenso rechtschaffende aber nicht so betuchte Familie. Der entscheidende Schiesspruch ihres Vaters war: “Ohne vorherige Heirat geht das nicht. Erst muß geheiratet werden und dann bekommt ihr auch unseren Segen. Und der war sehr wichtig wohl für beide Liebesleute, ein neues Leben zu zweit zu beginnen. So wurde dann geheiratet und sie zogen nach Königsberg.

Was dann kam, ist mehr oder weniger bekannt, es kamen zwei Kinder und sie schafften beide, was das Zeug hielt, bis verursacht durch den Beruf, die qualmende Hitze der mit brennender Holzkohle gefüllten schweren alten Bügeleisen mein Großvater Bernhard  eine Lungenentzündung bekam, die er nicht überstand. Da stand nun die junge Frau mit einem etwas über 2-jährigen Sohn und Maria Theresia (die mit den fuchsroten Haaran) als Baby.
Mußte alles billig verkaufen und zog dann auf ein kleines Dorf namens Stolzenhagen in der Nähe von Heilsberg und fristete dort ihr Dasein mit den zwei Kindern als Näherin. Ich nehme an, dass sie wohl von einem Bauernhof zum anderen zog und dort als Tagesnäherin alle anfälligen Näh- und Flickarbeiten erledigte, denn Bargeld ist immer auf dem Land knapp gewesen und es wurde in Deputaten (Lebensmittel) abgerechnet. Dort hat sie dann auch den Joseph Wölki kennengelernt, der nach 12 Jahren freiwilligem Militärdienst gerade mit einer schönen Abfindungssumme entlassen worden war. Er war ein sog. “Zwölfender” und ein richtiger Himmelssegen für die Martha Theresia Koslowski. Und so wurde sie die Martha Wölki und gründete mit dem “Zwölfender Joseph Wölki” (roterSchnurrbart) eine zweite neue Familie, der sie dann mit all ihrer Kraft und Zuneigung ihr Leben widmete. Und das sollte noch auf jeden Fall erzählt werden, um sie später im Jetzt und nicht zu spät zu verstehen in ihrer eigenen Art und Weise.

Man bedenke, erst die eine Chance im Existenzkampf des Lebens zu haben in Königsberg und dann der jähe Abfall in das arme und nicht sehr achtungswerte aber immer achtbare Leben einer Tagelöhnerin, die als Näherin von Hof zu Hof ging ohne grosse Zukunftsaussichten. Und dann auf einmal diese zweite Chance zu bekommen als Bäuerin eines eigenen Hofes mit später insgesamt 6 Kindern, von allen beachtet und respektiert ! Denn mein”Zweitopa” war auch so ein Mensch, dem von überall Respekt entgegengebracht wurde.

So das war dann die Geschichte der Martha Theresia geb. Fröhlich. verwitwete Koslowski und dann wieder verheiratete Wölki auf dem Abbau-Hof in der Wernegitter Landstraße 127 vor den Toren von Heislberg, wo mein Vater und meine Tata (die mit den feuerro…..) aufgewachsen sind.

Mein Vater durfte nur die Volksschule besuchen, obwohl der Priester und der Lehrer Rettich einige Male auf den Hof hinausgewandert waren, um die Eltern für den Besuch einer Oberschule für den Bernhard Koslowski zu bewegen. Aber alles umsonst, “der eine Herr und der andere Knecht” das ging nicht, um es mit der Antwort meines Zweitopa’s auszudrücken. So musste mein Vater als älteter der Kinder den Hof versorgen zusammen mit den Eltern, bis der jüngste, Kurt, so weit war, seine Stelle einzunehmen. Erst als mein Vater 19Jahre wurde, konnte er eine Schlosserlehre anfangen – inwischen war ja auch Weltkrieg Nr.1 und mein Vater wurde miteingezogen, wo er eine Kriegsverwundung am Arm erlitt, den er nur bedingt später gebrauchen konnte. Darum wurde er auch als kriegsuntüchtig im 2. Weltkrieg eingestuft und wir brauchten uns nicht um sein Leben als Soldat zu sorgen. Aber bis dahin ist noch lange Zeit und noch viel zu erzählen.

Jedenfalls erzählte mir immer mein Vater, dass er ein typischer Autodidakt war, was seinen Wissensbereich anging. Er hatte viel gelesen (wie ich) hatte kleine interne Veranstaltungen unter den vielen Verwandten seines Alters organisiert, wo er Gedichte und kleine Dramen vorgetragen hat und glaubte fest an eine Art von “Sich allein erziehen”, die er mir auch immer als Rat vorschlug. Er war schon ein sehr interessanter Mensch, der sich mit vielen Religionen der Welt und dem Weltgeschehen befaßte. Auch hatte er sich selbst das Spielen auf einem “Knopf-Akkordeon” – diatonisch nannte er das – beigebracht und viele Stunden an Sonntagen haben wir verbracht damit, dass er rührselige Heimatlieder sang und spielte z.B. “Vor meinem Vaterhaus da steht ‘ne Linde – vor meinem Vaterhaus, da steht ‘ne Bank – und wenn ich sie nur wiederfinde …. oder “Wenn auch die Jahre enteilen, bleibt die Erinnerung wach ….

Ich habe meinen Vater sehr geliebt mit dem brennenden Herzen eines Kindes ….

So das sollte es erst einmal gewesen sein …. nein, da ist zuerst noch etwas von der Familie des Kürschnermeisters Robert Koslowski zu erzählen, der hatte doch mehrere Kinder.

Da war zuerst der Robert, der spätere Vater meiner Mutter. Der ging auch nach Könisberg und studierte dort als Werkstudent Pharmacie. Später danach ging er “in die Welt” nach Rom, nach Edinburgh und landete schließlich dann in Hamburg und danach in Harburg.
Denn als Apotheker konnte er international arbeiten und dabei die Sprache des Landes erlernen, denn Pharmacie konnte überall in der Welt praktiziert werden und beruflich konnte man sich in der lateinischen Sprache verständigen.

Dann war da die Barbe, von der ich nicht viel mehr weiß, als dass sie als Schneiderin nach Berlin ging und dort den Hanky heiratete, der ungarischer Abstammung war. Nach ihren Photos zu urteilen, war sie eine aparte und attraktive Frau.

Da gab es noch einen Bruder, den Paul, der dann aber so gut wie verschollen war. Meine Mutter erzählte einmal, dass er später dann und wann in Harburg in ihrer Familie auftauchte und einmal hatte er nur einen Havelok an und nicht viel darunter. Er holte sich wohl bei diesen Besuchen eine Untertützung von seinem ältesten Bruder ab und verschwand dann wieder auf ungewisse Zeit, bis er nicht wieder auftauchte. Das war wohl das berühmte “Schwarze Schaf” in der Familie des Kürschnermeisters Robert Koslowski.

So, dies war die Geschichte der Familie Koslowski von Heilsberg/jetzt Lidzbark Warminski.
Wie ich erfahren habe, soll es heute noch Nachfahren dieser Familie geben, die aber jetzt in Allenstein(Olztyn) wohnen.

Vielleicht lesen ja einmal die Kinder unserer aller Kinder diese Geschichte, um etwas mehr über unsere Familie zu erfahren. Auch die amerikanische Schauspielerin Linda Kozlowski (Crocodile Dundee) zeigt eine bemerkenerte Ähnlichkeit mit den Jugendbildnissen meiner Mutter, so daß ich wohl anehmen darf, dass auch sie zu unseren Verwandten zählt, die alle irgendwann einmal aus Heilsberg stammten.

Das war nun ein “Schnatzke” mit kräftigem Donnerschlag hier und mußte in jedem Fall hier auch miterzählt werden. Das sind meine Wurzeln und darum mußte ich auch die “Katholische Mädchenschule” besuchen als Abkömmling einer solch alteingesessenen und bekannten Familie! Da gab es überhaupt kein Vertu’n!

Und dann können wir ja wieder an dieser Stelle weitermachen beim nächsten Mal, wenn ich den hierauf folgenden Brief schreibe.

Also bis dann und betet e “Vater Unserche” mit für mich derweil!

Alles Liebe vom Marjellche Evche.

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