E.M.H. Briefe vom Abbau/Bauhaus Nr.5‏


Ich bin wieder da – und wie könnte es anders sein als mitten in der Nacht – oder genauer: früh am Morgen (es ist eben nach 2.00 Uhr).

Mitten in der Nacht
da bin ich aufgewacht und als ob ein
festgefror’ner Spiegel im Traum zerbrach,
so fließen Fragmente von ihm im Bruch
um mich herum :wird das hier ein Buch?

Ich weiss es nicht, aber es wiederholt sich so oft schon jetzt, dass ich Nachts aufwache
und so ein Drängen in mir spüre, als hätte man mich angetupst – und das beileibe nicht gemach !
Und die Spiegelscherben meines vergangenen Lebens, sie tauchen auf vom Urgrund meines Seins und dringen an die Oberfläche meines Bewußtseins mit Bilderfetzen, lösen einander ab in keinem maßvollen Ringelreih’n – eher durcheinander gewirbelt, als wären sie von einem Wesen aus der Anderwelt umgerührt worden, so daß diese Auftauch- und Rings’rum-Bewegung entstanden ist.

So, da bin ich nun – so 8 Jahre alt – einige Jahre älter – und ich bin wieder in Heilsberg. Aber dieses Mal nicht mit meiner so heißgeliebten ruhigen Tante (die mit den feuerroten Haaren und den vielen Sommersprossen) – dieses Mal ist es meine Mutter – und das ist ein ganz andere Lebenssache.
Nebenbei gesagt, ich liebe meine Mutter auch – nur …nur?
Alles, was mich so mit meiner Tante verband, das hatte sie leider nicht. Sie war immer voll Gefühle, die sie auch nie verbarg – dort wo meine Tante still und ruhig und mehr in sich gekehrt ihren Lebensgeschäften nachging, da war meine Mutter – emphatisch, sehr viel lauter und geräuschvoller, egobezogen – nicht egoistisch eher egozentrisch und auch ein bißchen zu idealistisch in ihren Auffassungen. Sie schien mir immer – schon als Kind – von einem kleinen Drama in das nächste zu springen oder zu stolpern?  Immer in einer Art von inneren Aufregung, die sich schnell auch ins Äußere kehrte. Und sie war ein Energiebündel! Alles, was meine Tante Maria (ich nannte sie von meiner Kleinkindzeit, bis sie in meinen Armen für immer einschlief :”Tata”) an ruhiger und stiller Kraft hatte, war bei meiner Mutter ins Gegenteil verkehrt. Wir beide waren uns überhaupt nicht ähnlich, denn ich hatte mehr diese stille Art von meinem Vater mitbekommen und wollte auch in seinem ihm ähnlichen Eigensinn nur meinen eigenen “Stremel Leben” ausleben können. Ging nicht – war nicht möglich mit meiner Mutter, die sich in jedermann’s Leben drängte, wenn sie es für jenen und auch für sich selbst für richtig und gut hielt. Da war sie auch eigensinnig und ein bißchen lebensfremd, denn, was sie für sich gut befand. musste ja auch für den anderen Gegenüber gut sein!

Eine etwas breitgefächerte Auffassung und Respekt vor dem Anderssein eines Anderen
ging ihr völlig ab. Dies ist keine Bewertung ihres Selbsts, so war sie halt und musste auch so akzeptiert werden. Ich wollte damit nur unser Verhältnis zueinander etwas mehr erklären. Aber wir haben uns sehr geliebt – eben nur auf einer völlig anderen Weise – als es die Liebe zwischen meiner Tata und mir war. Die letztere war eine ungebrochene  Kinderliebe, die unser ganzes Leben ohne Sprünge und Risse anhielt bis heute.

Zu meiner Mutter war das ganz anders, diese Liebe wurde von uns beiden so oft gebrochen und zuerbrochen und zersprang in klaffende Risse, wurde wieder zugeklebt – sie hatte die schwerere Rolle übernommen, mir zu zeigen, wie Liebe durch ein Aufeinanderprallen von Gegensätzen erschüttert werden kann und durch Höhen und Tiefen geht, wodurch sich gewisse Charakterstärken nur umso mehr entwickeln können. Das weiß ich heute! Aber damals doch nicht als heranwachsendes Kind, Jugendliche und junge Frau. Und meine Mutter hat es nie gewußt in ihrem ganzen Leben – sie war und blieb die Gleiche – immer! Ihr gingen solche Erkenntnisse leider ganz ab und sie hat, glaube ich, sehr unter dieser Blockade ihrer “Ichbzogenheit” gelitten.

So, das wollte ich eigentlich gar nicht erzählt haben, aber musste sein. Jetzt hatte sie mich nach dem großen Bombenangriff auf Hamburg aus dem Haushalt meiner Tante in Posen geholt, wo ich so die letzten 2-3 Jahre im ruhigen Gleichmaß mit ihr verbracht hatte – sehr geschützt – aber auch auf mich allein gestellt.

Schwupp, da stand meine Mutter in der Tür, erzählte in völlig heller Aufregung einige Tage lang von den Greueln der Bombennächte (gottseidank, unsere Wohnung stand noch, denn Harburg war wenig betroffen von den Bombenteppichen, aber unsere Wohnung war übervoll mit ausgebombten Verwandten besetzt) …und dann packte sie mich am Schopfe und haute ab mit mir nach Heilsberg. All mein Gejammere half da nichts – da standen wir nun in Heilsberg und mußten uns eine Bleibe suchen. Bei meiner Oma war nichts, denn in der Bodenkammer schlief die arbeitsverpflichtete Magd Marie aus Polen, mein jüngster Onkel hatte geheiratet und da war ein kleiner Günther gekommen. Alles war dort voll belegt – hätte auch nicht gepasst mit meiner Oma …meine Murtter war nicht so ihre Tasse Tee!(unter vorgehaltener Hand: meine auch nicht mit ihrem heftigen Wesen)

Also – und jetzt komme ich zum veränderten Titel dort oben, dem Bauhaus.

Wir zogen zu der Cousine meiner Oma, dem Ließchen, ins Bauhaus. Denn ihr Mann, mein sog. Onkel war Baumeister von Beruf und hatte alles mit Fleiß und Energie geschafft, was so in einer kleinen Kreisstadt erreicht werden konnte. Er hatte ein villenartiges Haus im Bauhausstil (eher würfelförmig und in klarer Einfachheit als irgendwie verschnörkelt oder verbaut) – jedoch innen mit allen technischen Errungensschaften jener Zeit. Dazu kam ein grosses Grundstück – Zipfelgrundstück an der Mündung zweier Strassen, der Ausfallstraße von der fluß- und mauerumrandeten Innenstadt und einer im spitzen Winkel von ihr abgehenden modernen sog. Umgehungsstraße zur Staatsdomäne Neuhof.  Auf dem Zipfel dieses Grundstückes etwas weiter ab vom Wohnhaus (Bauhausstil) stand ein scheunenmäßg großer schwarzflambierter Schuppen, den ich nur einmal betreten habe. Einmal nur, weil mir eine große schwarze Ratte über die Füße sprang und wohl ebenso erschrocken war wie ich. Einmal und nie wieder!

Ja, Tante Ließchen und Onkel Albert und dann waren da noch 3 Töchter – alle erwachsen und die jüngste war ca. 9-10 Jahre älter als ich, Maria, Liesel und Annie. Sie hatten ein sehr beschütztes Leben dort in dieser Familiem, die als gut betucht galt und wohlangesehen war als mit zu den alten Familien in dieser Stadt zählend.
Und das waren wir ja auch ! Wie mir meine Mutter ganz stolz erzählte. Ich war eine “Koslowski” wie die Bauhausleute zu den “Stremetzne’s” gehörten. Diese beiden Namen tauchten wiederholt im Kirchenbuch als untereinander verheiratet auf. (lt.Abschrift, die mein Vater gemacht hat) Genau so wie die Rogalls, der Mädchenname von Tante Ließchen, die eine Cousine von Oma Martha, geb. Fröhlich, war.

Der Onkel Albert war etwas ganz Besonderes! Groß, breitschultrig und kräftig – um ihn herum war eine besondere Stille. Er hatte den kräftigen breiten ostpreußischen Schädel mit fast schwarzen Haaren, durch die schon ein bißchen das Silber des Älterwerdens schimmerte. Aber das beste an ihm waren sein kristallblauen, blitzenden Augen, die genau
so schräg nach oben auseinander liefen wie bei mir – nur habe ich hellgraue Augen, die je nach Gemütslage ins Grüne hineinschimmern.
Diese schräggestellten Augen hatten auch alle seine Mädchen mitbekommen und eine war hübscher als die andere. Sie konnten alle malen und hatten ihre Staffelei in ihren Zimmern aufgebaut. So oft habe neben ihnen gestanden und sie bewundert! Ich wußte ja nicht, dass ich später in ihre Fußstapfen treten würde. Maria z.B. hat mir dann in Hamburg bei einer meiner Ausstellungen zwei meiner Bilder abgekauft. Oh, ich war so glücklich darüber!

Tut mir leid, dass heute nicht so viel passiert ist in diesem Schrieb von mir. Aber ich muss mich auch daran halten, was so aus der Tiefe dieser Nacht an Bruchstückchen fragmentarisch an mir vorbeischwamm. Es ist wie beim Malen, erst wird grundiert und
dann vorskizziert. Nehmen wir also den Inhalt dieses Briefes als die Grundierung und Vorskizze künftiger Geschreibsel, in dem sich fast alles um die Koslowski’s von Heilsberg und ihrer – immer wieder durch Einheirat – Kreuz- und Quer-Verwandten dreht. In so einer überschaubaren Kreisstadt treffen sich ja über Jahrzehnte hinweg immer wieder die gleichen Familien, verlieben sich junge Leute,  heiraten einander – man kennt sich ja und das war immer schon der beste Schutz und Vorbedingung für eine recht gut zu laufende Ehe und Familie!

Tscha, und so haben sich mein Vater und meine Mutter nicht gefunden – nicht in dieser Kleinstadt, aber in Harburg, als mein Vater seinen Onkel, Robert Koslowski aus Heilsberg, und dessen Familie mit 29 Jahren besuchte und meine Mutter, die Eva Nadeschda Koslowski, kennenlernte. So hat sich Schicksal wieder einmal vervielfacht und die altbewährte Untereinander-Einheirat aus Heilsberg in Harburg weitergeführt.

Das ist doch der Joke und ein Hit – oder wieder einmal besser ausgedrückt: Die Komik des Lebens – so wie es seine Spielchen spielt …….!!!

Danke, dass Ihr mir bis hierher gefolgt seid …. also von jetzt ab heißen diese neuen
Kapitel : E.M.H. “Briefe vom Bauhaus Nr. …….”

Eure Eva Maria geb. Koslowski

brix – brax
(kleine hexenweisheiten)

worte durcheinand’ geschüttelt,
ein vers, der mark und bein zerrüttelt,
klix und klax wie brix und brax:
fetzenwort fliegt um die ohr’n,
gewonnen, zerronnen und verlor’n ….

leben gelebt, haben und werden,
die zukunft verändern,
verschwenden – verderben –
über das jetzt hinauszuschauen,
und was werden wir uns bauen?

der sinn verrückt, es kocht die welt,
das oben wird unten – ein ding das zerfällt,
wir fallen zurück oder fliegen nach vorn.
es gilt keine regel noch jedwelche norm.

das innere sein – der verborgene kern –
wir bringen’s nach oben …
siehst du dich so gern?
kein halt mehr in sicherer kleinigkeit,
wir weben der erde ein neues kleid!

zerfällt der sinn des vergangenen lebens,
wird suchen nach halt im aussen vergebens.
erkennst du deine innere norm,
kannst du dich nur retten
mit sprüngen nach vorn –  –  –  –  –

Eva Maria H. – Koslowski 1992/93

Bis zum “Wieder-Lesen” für euch und
zum Wieder-Niederschreiben für mich
ich wünsch euch alles Gute und viel
Liebe in der “Tute”…..

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