E.M.H. “Briefe vom Abbau” Nr. 4 Heimweh-Erinnerungen an Ostpreußen


So-che, da bin ich wieder, all meine Lieben, für die ich dies hier schreibe.
Heilsberg oder jetzt Lidszbark Warminski ist immer noch das Thema hier in diesem Brief.
Dies ist nun Brief Nr. 4

Ich würde euch allen empfehlen, einmal über Google/Wikipedia sich die auch heute noch schöne Landschaft anzuschauen, in der diese Kreisstadt (ist es wohl heute auch noch) eingebettet liegt. Da ist das alte wehrhafte Ordensschloß – besser wäre wohl Ordensburg als Bezeichnung, wo schon Kopernikus seine Studien betrieben hat. Heilsberg/Lidzbark liegt am Zusammenfluss der Alle und Simser (jetzt Simsana) – letztere war in der Nähe vom Abbau meiner Großeltern und ich erinnere, dass mich mein Onkel Sepp auf seinem Rad mit zur Badestelle genommen hat, wo ich kräftig plantschen konnte. Auf seine Frage: “Eivche, woll’n wir heite bode gehe?” war immer ein begeistertes “Ja” zu erwarten. Ich habe ihn sehr gemocht, den Onkel Sepp (das war der Tischler mit der Werkstatt und den vielen Holzschillerlocken). Und das mit dem “Baden gehen” ereignete sich, bevor seine Kinder geboren waren, dann hatte er genug, was seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.

Also am Zusammenfluß dieser beiden Flüsse lag Heilsberg/Lidzbark, wo die Alle sich fast rundherum um dieses wehrhafte Schloß mit dem dicken Bergfried schlang, als wollte sie diese Festung umarmen. Um in die Stadt hineinzukommen, musste man von unserer Seite aus eine der beiden Brücken benutzen, die über die “Alle” führten. Für uns Fußgänger gb es da die enge schmale Brücke, die gleich hinter der Kirche “Peter und Paul” einmündete, so dass man immer irgendwie an der Kirche vorbei musste, wenn man weiter in die Stadt und zum Marktplatz kommen wollte. Schnell ein”Vater Unser-che” beten – rein in die Kirche, sie war immer offen – und dann weiter.

Die andere Brücke lag an einer richtigen Zufahrtsstraße zur Stadt, ausgelegt für Gespanne und Fuhrwerke (Autos waren höchst seltener) und da mußte man einen richtigen Bogen machen, weil sie etwas weiter hinausführte und nicht geradeaus wie die kleine schmale Brücke, die zum Hinterhof der Kirche führte und die wir immer benutzten. Aber das war in einer späteren Zeit vom Sommer 1943 bis August 1944 und wird später noch genauer aus der betrachtenden Erinnerung meines Heimweh’s hervorgeholt werden.

Ich sah diese  Google-Aufnahmen vor einiger Zeit an und sie rührten mich noch ebenso an wie immer und vor allem in den Jahren, als ein Eiserner Vorhang diese östliche Welt für uns alel verschloß, da war mein Heimweh besonders stark und hat mich sehr gefordert ! Ich fühlte mich noch einsamer, als ich es schon war.

Seitlich kurz vor der grossen Ausfallstrasse (ich weiss nicht mehr, wohin sie führte aber dass sie “Dem Napoleon” zu verdanken war als Erbauer vieler Strassenführungen gen Osten, das weiss ich noch. Sie war auch damals schon asphaltiert, wohl möglich nach dem Plan Hitlers, das Strassennetz mit Autobahnen und Überlandstraßen usw. zu vervollkommnen.

Und an dieser Strasse lag der Kreuzberg, eine ziemlich beträchtliche Erhebung, die sich kegelartig und allein dort erhob. Mir kommt jetzt die Idee, dass es sich entweder um eine alte Pyramide oder auch um eine ehemals prussische Wehrbefestigungs-anlage handeln könnte, denn es war der einzige Berg in dieser Höhe rundherum um Heilsberg/Lidzbark.

Meine Groß-Cousinen (die soviel älteren als ich) sind einmal im Frühling mit mir dorthin geradelt –  es war märchenhaft dort – der ganze Waldboden dort war mit weissblauen und gelben Flächen bedeckt —- Leberblümchen, Buschwindröschen und Schlüsselblumen …flächenweise – das war so richtig etwas für mich – ich hab mich “dammlich” und dusselig  gepflückt mit all den Blumensträußchen, die wir dann an die Fahrräder und Lenker banden,  als wir nach Hause fuhren. Um den Kreuzberg herum waren viele Sagen und Geschichten im Umlauf, auch dass der Teufel dort beim Kartenspielen übertölpelt worden war und drüber erbost mit der Faust eine Delle in das Gestein geschlagen hatte.
Meine Cousinen haben mir die Delle auch gezeigt.

Ein herrliches und ein reiches Land ist es dort oben im Osten – ich will nicht alles loben, was ich dort sah und in mich aufnahm, aber immer war es bemerkenswert für mich.

In der Geißblattlaube links im Vorgarten vor dem Wohnhaus im Abbau – dort saß meine Oma immer in der warmen Sommerzeit und putzte im schattigen Dämmer der Laube ihr Gemüse und schälte das Obst. Die Laube hatte auch noch einen anderen Zweck – von dort konnte man die Landstraße hinab hinuntergucken, was da den Weg heraufkam, ohne selbst gesehen zu werden. 

Na und der Vorgarten vor dem weisssen Hause (auch ein Weisses Haus in einer ihm eigenen Weise) teilte sich durch den Eingangsweg zur Haustüre in zwei Teile – Rasenflächen, die jede in der Mitte geziert war mit einem Rondeel mit Blumen. Links vor der Laube ein Rosenstrauß im Rondeel und rechts ( immer wenn man vor der Eingangspforte stand) eines mit orange-gefleckten und gelben Liliengewächsen (ich glaube Tigerlilien waren es) den rothaarigen Einwohnern des Hauses ähnlich.

Und dass da die Holzpantinen an den Eingangsstufen zur Haustür standen, hatte auch seine eigene Bewandtnis: dort war nämlich auch der eiserne Abstreifer für die Holzpantinen angebracht, mit dem der Schmutz abgestreift wurde, der an ihnen klebte und dann zog man sie aus, wenn man ins Haus ging. Dort standen sie nun in der hellen Tageszeit, als wollten sie ein Schwätzchen in der Arbeitspause machen. Heute heißen sie bei uns “Clogs” – aber Pantinen sind es immer noch und tun ihren vortrefflichen Dienst wie damals.

Das alte Heilsberg hatte wie viele Städte im Osten in der Mitte des Ortes einen eher viereckigen Marktplatz, der von Handwerks- und Bürgerhäusern mit Arkaden ( den typischen ostpreußischen Laubengängen) umstanden war. Diese Arkaden, zumeist um eine oder mehrere Srufen erhöht, dienten der Bequemlichkeit der Bürger – im Sommer waren sie bevorzugte schattige Gänge zu den dahinter liegenden Geschäften und im Winter leicht von Schneeverwehungen frei zu schaufelnde Zuwege zum Markt und anderen vom Markt abgehenden Strassen – eben den Verkehrsfluß begünstigende passierfähige Gehwege. Sehr praktisch auch bei Regenwetter, man konnte trockenen Fußes rings um den Marktplatz gehen. Alles hatte seinen bestimmten Sinn und war dazu auch noch gefällig und schön.

Das war das Ostpreußen meiner Kindheit bis 1944, als wir es verlassen mußten (als von Hamburg, den sog. Bombengebieten, Evakuierte und dann in Ermangelung eines besseren Ortes zu Freunden ins Ostsudetenland nach Jägerndorf mit Sack und Pack reisten und auch auf einem größeren Bauernhof in Wiese bei Jägerndorf unterkamen).

Das war nun ein ganz anderes aber auch ein sehr schönes Land, an dem ich in der kurzen Zeit unseres Daseins viel Gefallen fand – die blühenden vielfarbigen Mohnfelder, überall die kleinen Bäche und Gewässer im Altvatervorgebirge im Tal der Schwarzen Oppa – und nicht zuletzt die Pracht eines echten “amerikanischen Indianersommers würde ich es jetzt benennen) – all die etwa ca. 500 m hohen Mittelgebirgshügel von Laubwäldern betanden, die im Herbst ihre prächtigen Farbmischungen hinausriefen und ihre Schönheit  hinausschickten in die Welt ihrer natürlichen Umgebung.

Und dann die Straßendörfer, entlang den Pflaumen- und Mirabellenbäumen durch die die Bauernhöfe, schön weißgekalkt über die Straßengräben durch die Obstbäume herauslugten. Das war auch ein schönes Land und meine Entdeckerfreude war voll befriedigt.

Aber noch sind wir in Ostpreußen. Dies war nur ein kleiner zetilicher Vorgriff auf das, was da noch im Leben auf mich zukommen sollte.

Aber genug erst einmal für heute – ich bin etwas müde geworden und kann meine Erinnerungen darum nicht mehr so farbig und genau wieder hervorholen und hier auffangen. Ich werde jetzt ert einmal ein Stremel Nachtschlaf zu mir nehmenn und dann werden wir’s ja sehen, was morgen noch so zu Tage kommt hier auf diesem Blatt.

So-che, morgen ist schon da – aber es ist noch Nacht und mich hat etwas geweckt, das mit diesen Briefen zusammenhängt. Diesem Weckruf folgend sitze ich nun wieder hier und ich weiß, es kommen noch 2 oder 3 kleine “Schnatzkes” (Geschichtchen) und damit neigt sich dann die Erinnerung aus meiner frühen Kinderzeit auf dem Abbauhof dem Ende zu.

Dann wird ein anderes Kapitel aus meinem Leben in Heilsberg aufgeschlagen. Alles wird sich dann um meine richtige Familie “Die Koslowskis” drehen, die seit dem 1800.Jahrhundert in Heilsberg ansässig gewesen sind.

Aber hier erst einmal die kleinen “Schnatzkes” aus den Sommern meiner Vorschulzeit auf dem Abbauhof:

Wenn ich in dem breiten Bett an der Wand in meiner selbst zurechtgeschobenen Kuhle im Strohsack lag, wachte ich oft sehr früh auf, bevor der Morgen kam und es hell wurde.

Im Apfelbaum neben dem Fenster fingen die Vögel zusammen mit denen auf den anderen Bäumen und im Feld leise an zu zwitschern und den kommenden Tg anzukündigen, das machen die Vögel so, denn das ist ihre Zeit, ein Schwätzchen miteinander zu halten. Das konnte ich später auch von ganz nah beobachten, als auf meinem Balkon die Amseln ein Nest gebaut hatten und ihre Jungen dort großzogen. … Aber vor dem morgendlichen Wecken von den leise zwitschernden Vögeln vor dem Sonnenaufgang horchte ich in der Wand auf das kratzende Nagen der Mäuschen, die gerne an die auf dem Boden gespeicherten Kornvorräte kommen wollten … aber das ließ ja unsere Katze nicht zu …Angst hatte ich keine, kannte ich gar nicht – alles war natürlich um mich herum.

Dann war meine Oma aufgestanden, ich hörte es am Scheppern des Futtergeschirres unten in der Küche. Die Vogelstimmen wurdenn auch lauter und als die Sonne aufging, begrüßten alle Vögel sie mit einem immer stärker werdenden Crescendo, bis es zu einem großen Begrüßungsjubel für das Tageslicht, das Sonn-che, anschwoll.

Meine Oma hatte inzwischen die Hühner rausgelassen und der Hahn konnte endlich seine im Stall unterdrückten Jubelschreie loslassen. Es war ein ganz prächtiger roter Hahn mit langen blauschwarzen Schwanzfedern. Ich wußte, er saß jetzt dann auf einem der Zaunpfähle und begeisterte sich an sich selbst und seinem immer lauteren Krähen. Sein Krähen war so kräftig und so laut, dass sich ihm auch noch die Hähne auf den etwas entfernteren Höfen anschlossen. Sie krähten um die Wette oder war es auch nur ihre Art der Verständigung im vereinten Morgengruß ? Hurrah, der Tag ist da !

Aber Aufstehen war noch nicht dran – meine Tante (ach wie lieb ich sie hatte mein ganzes Leben hindurch – ich meine, die mit den feuerroten H….) sie war auch längs aufgestanden, um ihrer Mutter zu helfen bei den täglich wiederkehrenden morgendlichen Arbeiten in Küche und Hof. Ich aber schnuggelte mich wieder so richtig in meine Strohsack-Kuhle ein und legte nochmal ein kleines Schläfchen vor bis zum richtigen Aufstehen.

Später dann nach diesem Zusatz-Morgen-Nickerchen ging ich dann oft auf den großen Boden, von dem die Kammer abgezweigt war. So viel Korn in den großen Fächern dort als Vorrat für das Viehfutter und eine meiner heimlichsten Vergnügungen war es, aus der Bodenluke (andere Wandseiite des Bodens gegenüber der Kammer) mit vollen Händen Körner auf die Hühner im Hof zu schmeißen. Sie liefen dann mit lautem Gegacker von allen Seiten dort  zur Mitte des Hofes und pickten aufgeregt diese schöne und unerwartete
Zusatzmahlzeit auf und bekundeten laut ihre Freude. so wurde dann auch dieses Geheimnis von mir entdeckt, denn meine Oma war auch nicht ohne ! Das war ein Geschrei, das ich gar nicht mochte und so wurden diese kleinen Eskapaden immer seltener….

Und noch etwas, ich erinnere, wie wir selbst gebuttert haben mit dem altmodischen Butterfaß und dann die Butter in großen Stücken an den Flügeln hing, wenn wir damit fertig waren. Meine Oma hob diese Butterdtücke dann heraus und knetete mit Salz noch die restliche Flüssigkeit aus ihnen heraus und die Butter war fertig – Schön gelb und duftend lag sie dort auf dem Küchentisch in einer Schale und es wurde gleich eine Scheibe
vom dunklen Brotlaib abgeschnitten und damit dick beschmiert. Ich habe diesen wunderbaren Geschmack noch heute auf der Zunge, wenn ich daran denke.

Und dann war es ein bestimmtes Mittagessen, das ich erinnere … es waren “Spirkel” .
Die hatte Oma aus vielen Speckscheiben in einem großen Topf über dem alten Herd mit den beringten Feuerlöchern ausgelassen und dann auf einem extra Untersatz mitten auf den Eßtisch gestellt. Und wir alle saßen um den Tisch herum und tauchten unsere Vollkorn-Brotstücken in das ausgelassene Fett und nahmen damit ein Stück Spirkel auf. Und das waren beileibe keine kleinen Spirkelstücke ! Einfach köstlich, so köstlich, dass ich es nicht vergessen habe bis heute !

So und damit endet dieses Kapitel meines Lebens, die Sommer in meinem “Vorschulleben” in Ostpreußen auf dem Abbau. Mit dem nächsten Brief wird dann ein anderes Kapitel beginnen und ich werde viel von der Familie Koslowski erzählen, die sozusagen meine doppelten Vorfahren ausmacht und und ein paar Jahrhunderte in Heilsberg ansässig gewesen ist – nicht vor den Toren sondern mitten in der Stadt in einer kleinen Nebenstrasse vom Marktplatz ausgehend.

Bis dann denn-che … (in Ostpreußen hängt man gern ein “che” oder “chen” an alle möglichen und unmöglichen Wörter !)

Für heute habe ich meinen Brief zu Ende gebracht – gute Nacht (ich mache es auch heute noch so wie früher, schnuggele mich noch einmal ins Bett-che und Schlaf einen Stremel weiter ) !

Eivche, immer noch dieselbe bloß n’paar Jährche älter – nämlich 79 !!!

Bis zum nächsten Mal !

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Noch einmal ……

Noch einmal jenen schmalen Pfad am Wald entlang –

wo Schatten lag – die Schritte hinzulenken,

den altvertrauten Weg zu gehen,

ins weite Land hineinzusehen,

wo Dächer zwischen hohen Bäumen und weißen Blütenträumen sinnend schweben,

wenn Sonne hoch im Himmel steht und weiße Wolken weben.

Unter jenem Himmel so tiefblau wie sonst hier nie,

führten alle Wege neu ins Glück, und nur Erinnerung,

allein nur sie, trägt mich dorthin zurück.

Du fernes Land im Sommerglanz, mir erscheinen  Deine Tage wie Silberfluten klarer Wasser,

die unter Birken ruh’n im grünen Hage.

Du Land des Schweigens in der Stille,

wenn Mittagsglut sich heiß ergießt,

Du Land voll Himmel lauer Lüfte, 

wenn blau die  Dämmerung zerfließt.

Und kleiner Bienen Summen um Blüten vor dem Haus,

aus grüner Laube Schatten schaut träumend ich hinaus.

Ich war in Kind und meine Seel’ flog hoch hinaus ins weite Land,

Ich wollt’ – ich könnte – auf der Stelle – ich zöge gleich im Flug nach Haus !

So geh ich oft in meinen Träumen den Weg entlang zum weißen Haus

und bracht’ die Blumen – Lebensträume – als großen Strauß dann mit hinaus!

Es ist ganz tief in mir hier innen. ie Bilder steigen auf des Nachts, und manche Stunde wach ich sinnend,

sehn’ mich dorthin mit aller Macht.

In dieser Stadt ist alles gerad’ voll grauer Mauern und voll Stein,

es gibt hier keinen Schlängelpfad mit Wegesrand am Waldesrain.

Die Zeit läuft hier so schnell mir fort,

wie Sand durch kleine Hände rinnt –

und kein Mensch bleibt steh’n und fragt mit Lächeln,

was der Andere sinnt.

Kein Ort zu bleiben – ich gehe fort –

so oft ich kann im Traum des Nachts –

reich in den Osten aller Räume,

die Tür dorthin verschlossen ward.

Eva Maria Holstein  (geschrieben z.Zt. des trennenden Eisernen Vorhanges)

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