E.M.H. “Briefe vom Abbau Nr.3”


Ein wenig muss ich heute über das Ermland erzählen, in dem das frühere Heilsberg und das heutige Lidzbark Warminski liegt. Es ist ähnlich der Holsteinischen Schweiz weiter in Nordwestdeutschland’s Schleswig Holstein. Es ist Eiszeitland bestehend aus Grundmoränen,
so daß es sich in weichen Hügeln und langgestreckten Tälern wellenförmig vor den Augen bis zum Horizont erstreckt … mit vielen Flüßchen und durchzogen von Wasseradern und Mischwäldern. Auf einer dieser kleinen Anhöhen lag der Hof meiner Großeltern an einer Landstraße, die sich dem hügeligen Gelände entlang anschloß und an den welligen Hügeln entlang schlängelte von einem Dorf zum anderen. Die Straße war von Bäumen gesäumt und jedes Fuhrwerk, das aus den Dörfern dort unten kam und von und hinter den Hügeln hervorkam und zur Kreisstadt Heilsberg fuhr, mußte an dem Abbau vorbei. Man konnte schon von weitem sehen, wenn so ein Gefährt oder eine Kutsche auf dem Weg zur Stadt war. Mein Opa konnte sie alle schon an ihren Kutschen – Kaleschen, so nannte man sie – erkennen. Und weil das nicht so oft vorkam, hielten sie alle für eine kurze Weile am Hof an, meine Oma oder mein Opa kamen an den Gartenzaun, wenn sie denn gerade im Hause waren, und man hielt ein Schwätzchen über die neuesten Ereignisse des betreffenden Dorfes oder auch in der Stadt. Aber nicht zu lange wurde “geschabbert” und so viel Klatsch gab es dann wieder doch nicht. 

Meine Großeltern hatten auch eine Kalesche. Das war ein wunderbares breites und bequemes Gefährt und wurde sorgsam gepflegt und gehegt. Sie stand in der Remise für sich allein in all ihrer Hoheit. Die übrigen Leiterwagen standen in der ausgesparten Mitte der großen Scheune. Das war eigentlich eine praktische Angelegeneit. Man konnte aus dem Rumpf des Fuhrwerkes, das 4 seitliche schräge Streben hatte, schnell einen Leiterwagen daraus machen, wie er bei der Ernte verwendet wurde. 2 Leitern standen längseits an den Fächern in der Scheune. Die wurden einfach an die seitlichen Streben des Wagenbodens aufgestellt und fertig war der Leiterwagen ! Da waren auch passende Bretter, die auch auf die Streben aufgestellt wurden. Da mußte man dann aber mehre Bretter aufeinander stellen und fertig war ein Fuhrwerk, das man z.B. beim Kartoffelernten verwenden konnte oder zum Transportieren von anderweitigen Sachen oder Feldfrüchten.

Aber die Kalesche, das war ein Prachtdtück, immer sorgfältig geputzt und das Geschirr für die Pferde glänzte. Ich glaube, es war die große Liebe meines Großvaters, so wie es dann später in der heutigen Zeit oft das Auto in einer Familie ist.

Wenn meine Tante und ich dann mit dem Zug in Heilsberg ankamen, konnten wir schon aus dem Zugfenster links neben dem Bahnhofsgebäude die Kalesche sehen und meinen Opa oben auf dem Kutscherbock. Der blieb stur dort oben und knallte nur ein- bis zweimal mit der Peitsche zur Begrüßung, wenn der Zug einrollte, blieb sonst aber ziemlich unbeweglich und die hochstehenden Spitzen seines knallroten Schnurrbartes leuchteten frölich und positiv nach oben. Seine Haare trug er noch im Stoppelschnitt seines alten Soldatendaseins. Er war ein stattlicher Mann, so sagte man dort : ein stattlicher Mann oder ein stattlicher Kavalier! Wobei die Achtung einem kräftigen Körperbau galt, der eine gute und ausdauende Arbeitskraft versprach.

Einer meiner Onkel war Tischler und hatte sich eine Werkstatt in einem Schuppen gebaut, die im Wiesengrunde hinter den Hofstallungen und -schuppen lag. Vom Hof führte ein Weg dort hinunter… ich habe den Holzgeruch immer noch in der Nase und die frisch gehobelten Holzlocken mit den schönen Maserungen vor meinen Augen. Mein Onkel war Möbeltischler, aber ich glaube, er nahm so alle Arbeiten an, die sich ihm boten. Sein jüngerer Bruder hatte am Marktplatz ein Möbelgeschäft und so arbeiteten beide Brüder Hand in Hand und wohnten dort auch im Geschäftshaus am Markt.

Neben dieser Werkstatt war die kleine Schmiede meines Opa, denn eigentlich war er von Beruf ein Nagelschmied. Als ich so 5 Jahre alt war, hat er für mich einen Handstock aus Eisen geschmiedet und ich habe ihm dabei zugesehen. Wenn ich das alles so bedenke, ist das eine sehr tüchtige Familie gewesen, denn die Bienentöcke standen auch gleich weiter auf halber Anhöhe hinter der Werkstatt. Ich kann mich erinnern, dass wir immer im Herbst
einen Marmeladeneimer voll des köstlichsten Honig in Harburg mit der Post erhielten. Das waren immer so 5 kg und wir haben uns immer sehr gefreut genau wie über die Weihnachtsgans, die immer pünklich zum Fest bei uns ankam.

Wenn man dann weiter hinter der Werkstatt wieder den Hügel weiter hinaufging, gelangte man an “Den Teich” … das war kein stilles Wasser ! Das war ein Quellteich, der wohl auch die Wasserader speiste, die zur Pumpe auf dem Hof führte. Rund um den Teich waren dank des Berufes meines Onkels Bretter als Stege (6- oder 8-kantig ?) angebracht, wo meine Oma auch ihre grossen Laken spülte und sie dann auf der Bleiche hinter dem Obstgarten des Wohnhauses zum Trocknen auslegte. Dort durften auch keine Kühe weiden – wegen der Kufladen.

Praktischerweise hatte Oma neben dem Teich ihren Gemüsegarten angelegt, so dass er immer bewässert werden konnte. Wie gut die Mohrrüben schmeckten, wenn  man sie aus der Erde gezogen und im Teichwasser gesäubert hatte ! Aber vorher habe ich erst immer mit den Zeigefinger gefühlt, wie dick die Rübe unter dem Kraut war, dass ich auch eine schöne große am Wickel hatte.

So viel fällt mir dabei ein, auch dass ich meistens barfuß ging und dadurch ziemlich abgehärtete Fußsohlen hatte. Wißt Ihr, wie man barfuß über ein Stoppelfeld läuft – nicht vorsichtig gehen – nein, richtig laufen ! Ich konnte es damals! Oh, und wie oft bin ich auf der Weide in einen Kufladen getreten, der so trügerisch wie getrocknet aussah und dann innen so schwabbelig und schwammig war, daß mir die Soße durch die Zehenspalten gedrückt wurde! Ich weiß, für die Menschen von heute und diese Generation hört sich das eklig an. Aber das war es damals nicht für mich, ich hatte noch diese natürliche Verbindung zu allem Leben um mich herum und wenn man Milch, Sahne und Butter von den Kühen haben wollte, gehörte das auch mit dazu … die Kufladen … der Schmierkram wurde dann mit Gras und am Wiesengrund abgewischt, die Füße unter die Pumpe gehalten und alles war wieder in bester Ordnung. Genauso war das mit dem Plumpsklo im Schuppen, das über der Sickergrube gebaut war. Es stank aber es war sozusagen ein natürlicher Geruch.

Später als ich schon lesen konnte, habe ich sogar viele Stunden dort verbracht. Das habe ich meiner damaligen Leselust zu verdanken. Denn die einzige Zeitung, die meine Großeltern bekamen, war die berühmte und allbekannte “Gartenlaube” mit den herrlichen Fortsetzungsromanen. Diese Zeitung wurde immer nach “Ausgebrauch” fein säuberlich in Rechtecke geschnitten und mit einem Band ins Plumpsklo gehängt als Toilettenpapier. Und ich habe mir dann später immer die Forsetzungsromane wieder herausgepickt und gelesen. Da waren auch Rezepte, Ratschläge für Garten und Haushaltung, bißchen für Kleidung und Mode dabei. Aber für mich waren die schnulzigen Liebesromane in Fortsetzungen der Hit ! Man hatte sich dann nach einer längeren Sitzung auf dem Plumpsklo so an den Geruch gewöhnt, dass man die frische Luft wie einen Schlag auf den Kopf und für das Geruchsorgan empfand, wenn man wieder herauskam.
Es gab da noch ein anderes Klo, das auf dem Boden des Wohnhauses war, aber das wurde nur in dringenden Notfällen benutzt wegen der späteren Entsorgung und natürlich im Winter, wenn alles zugeschneit war.

Warum ich dies alles hier erzähle? Nun, ich will ja auch die weniger angenehmen Seiten eines Lebens auf einem Bauernhof nicht auslassen – es war beileibe nicht alles Friede, Freude und Eierkuchen dort! Aber man kann sich immer auch die schönen Dinge aus der unangenehmen Kehrseite wie Rosinen aus einem Kuchenbrot herauslesen…

Da ist sie wieder, das kleine “Eivche” ! Mit zwei Jahren war ich das erste Mal bei meinem Großeltern, aber dran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aus Erzählungen weiß ich nur, dass meine Tante (die mit den feuerroten Haaren) und ich von Kiel mit dem Dampfer bis nach Danzig gefahren sind und dann weiter mit dem Zug. Ich war so klein, dass ich noch in einen Kartoffelkorb passte und da hinein hat mich dann auch gesteckt und fotografiert.
Das Photo habe ich noch. aber vorher hat man mir einen passenden Topf auf den Kopf gesetzt und mir die Haare kreisherum geschnitten… und so gucke ich dann quietschfidel
über den Rand des Kartoffelkorbes vor dem Haus. War wohl so eine Art von selbst erfundenem Aufbewahrungsort für Kleinkinder, denn raus konnte ich nicht so gut aus dem Korb.

Frühmorgens kam immer der Milchwagen, um die die vollen Milchkannen abzuholen. Da war draußen an der Straße extra ein Gestell, auf daß die vollen Kannen gestellt wurden.
Der Wagen fuhr über die Dörfer und holte für die Molkerei die Milch von den Bauern.
Später als wir von 1943 bis Spätsommer 1944 bei meiner Grßtante mit den abgöttisch von mir geliebten großen Töchtern (so immerhin 10 – 19 Jahre älter als ich) wohnten (meine Mutter und ich) war dies vor der Stadt in nächster Nähe zur Molkerei mit den vielen Milchwagen. Aber das ist wieder einmal eine Geschichte für sich wie die über meine Oma und ihr Vorleben vor ihrer 2. Ehe mit dem Joseph Wölki.

Es passierte nicht so viel dort, aber was so passierte, war ein “Schock” für sich für diejenigen, die es anging. Und mit dem Schock ist es so ähnlich wie mit dem Abbau :
“Schock” war sehr gebräuchlich als eine Art Mengenbezeichnung und kommt aus dem alten Zwölfersystem: 1 Schock Eier sind immer 12 Stück. Und ein “Dittche” ist aus dem Zehnersystem nämlich 10 Pfennige. Also wenn man ein Schock erlebt hatte, war das eine Bezeichnung für “viel” !Ist so!

Noch so ein Schnatzkes:
Trifft der Kaludrichkeit den Kaluweit im Zug nach Insterburg, Fragt der Kaludrichkeit “was gibt’s Neues in Insterburg?” Sagt der Kaluweit: “Na, nuschtje gibt’s Neues in Insterburg! Nur das Tantche ihr Hundche is gestorben!”
Ei wassche, das Tantche ihr Hundche ist gestorben, warum dennche?”  “Na, das Tantche
hat doch sich doch so gegrämt und ist krank geworden und das Hundche hat nich mehr fressen wollen und ist gestorben… “
“Ei-was-che warum hat sich denn das Tantche so gegrämt?”
“Na der Kreit, das Onkelche hat doch gasessen!”
“Ei was-che das Onkelche hat gesessen, ei warum denn?”
“Na, das Onkelche hat doch wieder was gestohlen!”
Sagt der Kaludrichkeit: “Na, das hat ja all immer getan!”
sagt der Kaluweit: “Ich sag ja, nuschtje Neues gibt’s in Insterburg !”

So, das ist die Nr.3 von meinen Briefen …und ich hoffe, Ihr habt euch nicht so gelangweilt, denn so viel ist hier in diesem Brief nicht geschehen – aber so ist das nu  einmal im alten Ostpreussen gewesen – vielleicht ist es heute etwas schnellebiger geworden – aber damals? ? Es hatte eben alles seinen altbewährten Gang dort und man kam eben etwas langsamer vorwärts als im Westen. Aber mit der altbewährten Sturheit und dem ostpreußischen eigensinnigen Kopf und nicht zuletzt dem Fleiß und dem Durchhaltevermögen hat sich ja später auch nach der Flucht beim Neuanfang im Westen
gezeigt, was so in den Ostpreußen steckt, denn viele haben dort einen neuen und erfolgreichen Wiederanfang machen können. Aber auch da gibt es davon so manche Erfolgsgeschichte, die eine Erzählung wert ist.

Genug für heute – genug geschabbert ! Bis zum nächsten Mal, wenn das Heimweh mich wieder des Nachts aufweckt wie heute und ich noch eine andere Geschichte loswerden muß.
Ich bin doch eben nur ein Marjellche, ein dammliches, und werd’s immer bleiben und das ist gut so!

Bis später im nächsten Brief !
Euer Evche

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